Aluminiumleitung im Altbau: echtes Risiko oder Mythos?
Wer ein Hamburger Reihenhaus aus den späten 60ern oder den 70ern kauft, hört oft den Satz: „Da liegt Alu in den Wänden, das muss alles raus." Stimmt das? Manchmal ja, manchmal nein. Hier eine sachliche Einordnung, ohne Panikmache, aber auch ohne Verharmlosung.
Warum überhaupt Aluminium?
Zwischen etwa 1965 und 1980 war Kupfer phasenweise teuer und schlecht verfügbar. Die Bundesrepublik baute viele Wohnungen in Plattenbauweise, Sozialwohnungsbau, Reihenhaussiedlungen. In diesen Jahren wurde Aluminium als Leitermaterial in der Festinstallation eingesetzt, weil es deutlich günstiger war und für die typischen Lasten der damaligen Zeit ausreichte.
In Hamburg betrifft das vor allem bestimmte Quartiere und Baujahre:
- Lohbrügge-Nord, Siedlungen aus den 70ern
- Mümmelmannsberg, Großwohnsiedlungen
- einzelne Reihenhaus-Zeilen in Bergedorf-West
- Teile von Steilshoop und Osdorfer Born
- vereinzelt in Wentorfer und Reinbeker Neubaugebieten der Zeit
Nicht jeder Bau aus diesen Jahren hat Alu. Wir treffen es auch in Häusern aus den 50ern und 80ern manchmal an, andersrum sind 70er-Häuser oft komplett in Kupfer ausgeführt. Sicher weiß man es erst, wenn man eine Steckdose abschraubt und nachsieht. Aluminium ist silbrig-matt, Kupfer rötlich-glänzend. Verwechseln kann man die beiden nicht.
Was ist eigentlich das Problem?
Aluminium an sich ist als Leiter unproblematisch. Reines Alu hat sogar eine gute Leitfähigkeit (etwa 60 Prozent von Kupfer bei gleichem Querschnitt). Das Problem entsteht an den Verbindungsstellen, also dort wo Aluminium auf Kupfer trifft oder wo es geklemmt wird.
Drei Effekte machen Ärger:
Kaltfluss. Aluminium ist weich und gibt unter Klemmdruck nach. Eine Schraubklemme, die heute fest sitzt, kann nach Jahren locker werden. Lockere Klemme heißt: höherer Übergangswiderstand, Wärme entsteht, im schlimmsten Fall Schmoren.
Kontaktkorrosion an Alu-Kupfer-Übergängen. Wo Alu auf Kupfer trifft (etwa an einer Steckdose, in die jemand später Kupferdraht eingebaut hat), entsteht durch das unterschiedliche elektrochemische Potenzial eine Korrosion. Wieder steigt der Widerstand, wieder entsteht Wärme.
Oxidschicht. Aluminium bildet an der Oberfläche sehr schnell eine elektrisch nicht leitfähige Oxidschicht. Bei der Verarbeitung muss diese Schicht beseitigt und durch Kontaktpaste ersetzt werden. Wer das nicht weiß und Alu wie Kupfer behandelt, baut Stellen mit hohem Widerstand ein.
In der Summe heißt das: nicht die Leitung in der Wand ist das Problem, sondern die Klemmstellen in den Dosen.
Wann ist der Tausch wirklich Pflicht?
Eine gesetzliche Pflicht zum Tausch reiner Alu-Verkabelung gibt es nicht, solange die Anlage den Bestandsschutz hat und keine konkrete Gefahr ausgeht. Es gibt aber Situationen, die einen Tausch faktisch erzwingen oder dringend nahelegen.
Pflicht zum Tausch:
- bei festgestellten Wärmestellen, Schmorstellen oder Bränden
- bei Sanierungen, die ohnehin tief in die Substanz gehen
- bei Lastveränderungen (Wallbox, Wärmepumpe), wenn der Querschnitt der Alu-Leitung nicht mehr passt
Dringend empfohlen:
- bei Wechsel des Eigentümers (Klarheit über Bestand)
- nach 50 Jahren, wenn keine fachgerechte Wartung der Klemmstellen erfolgt ist
- in Häusern mit Kindern oder älteren Bewohnern, bei denen Reaktionszeit im Schadensfall kritisch ist
Nicht zwingend nötig:
- intakte Alu-Verkabelung mit fachgerecht ausgeführten Klemmstellen, regelmäßiger Sichtkontrolle, ohne Anzeichen von Wärmeentwicklung
Was wir bei einer Bestandsaufnahme machen
Wenn ein Kunde uns in ein Haus mit Verdacht auf Alu ruft, läuft das so ab:
- Sichtkontrolle in zwei oder drei Steckdosen pro Etage. Wir öffnen die Dose, sehen das Material direkt
- Prüfung des Zustands der Klemmstellen: locker, oxidiert, verfärbt?
- Wärmebildmessung an Verteilerdose und Zählerschrank bei Last (alle Großgeräte gleichzeitig laufen lassen)
- Beurteilung Hauptverteilung: oft kommt aus der Wand Alu rein, in der Verteilung wurde später Kupfer verbaut, da sitzen die heiklen Übergänge
- ehrliche Einschätzung mit drei Optionen
Die drei Optionen, die wir typischerweise anbieten:
| Option | Aufwand | Sinn |
|---|---|---|
| Klemmstellen sanieren, Leitung bleibt | 600 bis 1.500 Euro | bei intakter Substanz |
| Teilersatz Risikobereiche (Bad, Küche, Hauptverteilung) | 2.500 bis 6.000 Euro | bei selektiven Problemstellen |
| Komplettersatz | 12.000 bis 25.000 Euro | bei Komplettsanierung ohnehin |
Was wir nicht raten
„Den ganzen Bestand auf einmal rausreißen, weil Alu drin ist." Das ist die teure Variante, die Eigentümer manchmal aus Angst beauftragen. In den meisten Hamburger Häusern reicht eine fachgerechte Sanierung der Klemmstellen plus Tausch der Hauptverteilung. Das ist Faktor fünf bis zehn günstiger und sicherheitstechnisch praktisch gleichwertig.
Andersrum: „Wir warten, bis was passiert." Das raten wir bei Häusern mit erkennbaren Wärmeerscheinungen oder bei dunkel verfärbten Klemmen nicht. Wenn die Versicherung später einen Kabelbrand auf einen bekannten Mangel zurückführen kann, gibt es Diskussionen über Leistungspflicht.
Beispiel aus Lohbrügge-Nord
Im Frühjahr 2025 hatten wir ein Reihenhaus von 1972, Kundin hatte das Haus von ihren Eltern geerbt. Verdacht auf Alu war konkret: in zwei Steckdosen waren die Klemmen schwarz verfärbt, im Sicherungsschrank roch es minimal nach warmem Kunststoff.
Was wir gemacht haben:
- alle 38 Steckdosen geöffnet, Klemmstellen kontrolliert
- 11 Klemmstellen mit Kontaktpaste neu hergestellt
- Sicherungskasten getauscht (war noch mit Schraubsicherungen, kein FI)
- 4 Leitungen im Bereich Küche und Bad komplett ersetzt (waren überlastet durch nachträglich angeschlossene Verbraucher)
Kosten gesamt: 4.200 Euro brutto. Bauzeit: drei Tage. Anschließend ein Messprotokoll, das die Sicherheit dokumentiert. Die Kundin kann jetzt entscheiden, ob sie irgendwann eine Komplettsanierung macht. Akuter Handlungsdruck besteht nicht mehr.
Klare Handlungsempfehlung
Wenn Sie in einem Haus mit Verdacht auf Alu wohnen:
- nicht panisch werden, aber auch nicht ignorieren
- einen Elektriker bestellen, der eine seriöse Bestandsaufnahme macht
- bei kleinem Befund punktuell sanieren, das reicht meistens
- bei einer geplanten größeren Sanierung Alu-Bereiche mitnehmen
Wir kommen für die Erstbegehung in Bergedorf, Lohbrügge, Wentorf und im näheren Umland kostenlos. Eine Stunde reicht, um zu wissen, ob Sie ein Problem haben oder nicht.
Ehlers Elektrotechnik Billwerder Billdeich 601i, 21033 Hamburg Telefon: 0176 / 811 767 96 Mail: Info@Ehlers-Elektrotechnik.de