KNX im Altbau nachrüsten: geht das überhaupt?
Die Frage kommt bei uns in der Beratung fast jede Woche. Jemand wohnt in einem Reihenhaus von 1958 in Lohbrügge oder einer Gründerzeit-Etage in Bergedorf-Süd, hat sich in das Thema Gebäudeautomation eingelesen, und will wissen: bekomme ich KNX hier rein, ohne das Haus zu zerlegen? Die ehrliche Antwort: ja, aber selten so, wie es im Prospekt steht.
Warum klassisches KNX im Altbau ein Problem ist
KNX in der reinen Lehre heißt: ein zusätzliches Buskabel liegt parallel zur Stromleitung in der Wand. Jeder Schalter, jeder Bewegungsmelder, jede Heizungs-Stellantrieb hängt an diesem Bus. Das funktioniert hervorragend, wenn die Wände sowieso offen sind. Bei einem Neubau oder einer Komplettsanierung mit Trockenbau ist KNX deshalb auch unsere Standardempfehlung.
Im bewohnten Altbau sieht es anders aus. Stemmschlitze in allen Räumen bedeuten Staub, Möbel raus, Tapeten ab, Maler hinterher. Bei einem 110 Quadratmeter großen Reihenhaus reden wir schnell über vier bis sechs Wochen Bauzeit und 25.000 bis 40.000 Euro für die Elektrik allein. Das macht selten jemand, nur weil er die Rollläden vom Sofa aus steuern möchte.
Es gibt aber drei Wege, KNX-Funktionalität ohne Komplettsanierung in einen Altbau zu bekommen.
Weg 1: KNX RF (Funk-KNX)
KNX RF ist die Funk-Variante des KNX-Standards. Geräte kommunizieren auf 868 MHz, sind voll kompatibel zum verkabelten KNX und lassen sich später in eine Mischanlage integrieren. Funktechnisch eine eigene Liga, weil das Frequenzband nicht so überlaufen ist wie WLAN bei 2,4 GHz.
Typische Anwendungen: Heizungs-Stellantriebe, Bewegungsmelder, batteriebetriebene Wandtaster, Rollladenaktoren. Was nicht über Funk geht: alles, was hohe Schaltlast hat oder dauerhaft Strom braucht. Hier kommt man um Verkabelung nicht herum.
Vorteile: keine Wände aufmachen, Geräte sind in einem halben Tag installiert, voll erweiterbar. Nachteile: Geräte mit Batterie brauchen alle drei bis fünf Jahre einen Wechsel, die Reichweite ist in Häusern mit dicken Wänden (Hamburger Backstein-Altbau) manchmal grenzwertig.
Kostenrahmen für eine Wohnung von 90 Quadratmetern mit Heizung, Rollladen und einem Lichtkreis pro Raum: 4.500 bis 8.000 Euro inklusive Inbetriebnahme.
Weg 2: KNX Powerline
Powerline nutzt die vorhandenen Stromleitungen als Datenleitung. Klingt elegant, hat in der Praxis aber Schwächen. Frequenzfilter, alte FI-Schalter und manche LED-Treiber stören das Signal. Wir setzen Powerline heute selten ein, weil die Funkvariante in den meisten Fällen stabiler läuft.
Ehrlich: wenn jemand fragt, ob er „seine alte Verteilung lassen kann und einfach Powerline drüberlegt", sagen wir meistens nein. Der Aufwand für stabile Signalqualität ist hoch, das Ergebnis bleibt mittelmäßig.
Weg 3: KNX-Bus bei laufender Sanierung
Wer ohnehin saniert, sollte den Bus mitlegen. Auch wenn er aktuell nichts steuert. Eine grüne KNX-Leitung kostet pro Meter rund 1,50 Euro, das Einziehen bei offenen Wänden quasi nichts extra. Wenn die Wände in zehn Jahren wieder zu sind, ärgert sich kein Eigentümer über den vorausschauend gelegten Bus. Wir haben das schon mehrfach bei Kunden in Wentorf und Reinbek so gemacht: Bad sanieren, Bus mitlegen, in einem späteren Schritt Wohnzimmer und Schlafzimmer dazu.
Praxisbeispiel: Gründerzeit-Etage in Reinbek
Anfang 2025 hatten wir einen Kunden in der Hamburger Straße in Reinbek. Erdgeschoss eines Gründerzeit-Hauses, 138 Quadratmeter, hohe Decken, dicke Wände. Wunsch: zentrale Heizungssteuerung pro Raum, Rollladen-Automatik auf Süd- und Westseite, eine zentrale Aus-Taste neben der Wohnungstür. Komplettsanierung war kein Thema, das Haus war frisch saniert, nur die Elektrik in den Wänden bestand seit den 80ern.
Was wir gemacht haben:
- 7 KNX-RF-Stellantriebe an den Heizkörpern, batteriebetrieben
- 3 Rollladenaktoren in den Rollladenkästen, kabelgebunden (Strom war da)
- ein Bewegungsmelder im Flur
- 2 batteriebetriebene Wandtaster an Wohnungs- und Küchentür
- eine kleine KNX-Zentrale im Sicherungsschrank
Kosten: 6.800 Euro brutto, alles inklusive. Bauzeit: zweieinhalb Tage. Die Mieter waren während der Arbeiten in der Wohnung, eine Wand musste nicht aufgemacht werden.
Was wir Eigentümern in der Beratung sagen
Es gibt drei klare Empfehlungen, die wir je nach Situation aussprechen.
Sie sanieren ohnehin (Bad neu, Heizung tauschen, Trockenbau). Dann legen Sie das KNX-Buskabel mit. Mehrkosten überschaubar, die Tür für später offen.
Sie wollen Komfort, aber keine Großbaustelle. Dann KNX RF. Funk-Variante, Geräte sind in Tagen drin, voll erweiterbar wenn später mehr soll.
Sie wollen das volle Programm mit Visualisierung und Logik. Dann ehrlich: warten, bis Sie sowieso sanieren. Oder das Haus verkaufen und ein KNX-Neubau-Projekt anfangen. Halbe Sachen werden hier teurer als sie wert sind.
Was wir nicht empfehlen
Insellösungen mit Hue, Shelly, Homematic IP nebeneinander, alle mit eigener App. Das ist kein Smart Home, das ist Bastelei mit Frustpotenzial. Wenn schon Investment, dann ein System, das in 15 Jahren noch erweiterbar ist. KNX ist genau dafür gemacht.
Kostenlose Beratung in Bergedorf und Umland
Wenn Sie planen, kommen Sie ins Gespräch. Wir schauen uns die Wohnung an, hören zu, was Sie wirklich brauchen, und sagen ehrlich, welcher der drei Wege bei Ihnen Sinn ergibt. Auch wenn die Antwort manchmal heißt: lassen Sie es erstmal.
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